„Oh Schreck!“ ist ein inklusives Theaterprojekt der Münchner Kammerspiele, inspiriert von Murnaus Stummfilmklassiker „Nosferatu“ und dem Leben des Schauspielers Max Schreck, der die Hauptrolle im Film „Nosferatu“ spielte und viele Jahre – wenn auch in kleinen Rollen – an den Kammerspielen engagiert war.
Regisseur Jan-Christoph Gockel hatte die Idee und entwickelte gemeinsam mit dem Ensemble ein effektreiches, blutig schrilles, witziges und stellenweise auch poetisches Vampirspektakel.
Vorsicht, Vampire leben unter uns!
Die Eigenproduktion „Oh Schreck!“ basiert auf dem fiktiven Grundgedanken, dass Max Schreck nicht nur die Rolle des Nosferatu spielte, sondern ein echter Vampir war. Da Blutsauger bekanntlich unsterblich sind, weilt Max Schreck noch immer auf Erden, und zwar an seiner letzten Wirkungsstätte den Münchner Kammerspielen. Dort ist er nicht der einzige Untote, denn das ganze Theater ist weitgehend in der Hand von blutdurstigen Vampiren. Das ist die Ausgangsbasis für ein Filmprojekt: ein ambitionierter junger Regisseur namens Wolfgang, dargestellt von Sebastian Brandes, möchte vom Vampirboom profitieren und dreht mit dem Vampir Max Schreck ein Remake des Nosferatu-Klassikers.
Poetisches Puppenspiel
Für den Ausflug in die Stummfilmära entwickelte Michael Pietsch lebensgroße, nachtdüstere Puppen, die zur Live-Klaviermusik zart interagieren und die Bühnen in einen magischen Raum verwandeln. Doch die Stummfilmpoesie ist nicht von Dauer. Das Stück wechselt abrupt in die Arbeitsebene Filmset. Es wird laut, hell und hektisch. Für das Filmteam um Regisseur Wolfgang erweist sich das Stummfilmprojekt und die Arbeit mit leibhaftigen Vampiren als echte Herausforderung.
Wechsel zwischen Spiel- und Filmszenen
In Videostatements kommen die einzelnen Protagonisten zu Wort. Diese, wie Interviews gestalteten Monologe verraten viel über Eitelkeiten und Ambitionen, aber auch über Ängste und Sehnsüchte der Figuren. Zugleich erinnern die Einzelstatements an Trash-Fernsehformate wie „Big Brother“ oder „Dschungelcamp“. So wird nicht nur auf der Bühne gebissen, gemeuchtelt und reichlich Theaterblut vergossen, sondern der Zuschauer erfährt via Videoeinspielung, dass es zu den Aufgaben von Regieassistentin Isabell gehört, das Vampirensemble mit Frischblut zu versorgen. Das Blutopfer beginnt mit Hospitanten und endet mit einer ganzen Schauspielklasse. Für Assistentin Isabell – herrlich unterkühlt gespielt von Leonie Schulz – kein Grund für Gewissensbisse, schließlich, so argumentiert sie selbstbewusst, müssen auch Nichtvampire töten um zu essen. Das ist herrlich schräg und absurd.
Walter Hess, der älteste Schauspieler der Kammerspiele, ist mit von der Partie
Der interessanteste Nichtvampir in „Oh Schreck!“ ist Walter von der Hess, gespielt vom gleichnamigen, aber adelstitelfreien Walter Hess, der mit seinen 85 Jahren einen leidenschaftlichen Schauspieler und damit wohl auch ein Stück sich selbst spielt. Zu seinem größten Bedauern ist Walter von der Hess kein Vampir, sondern tut nur so. Ein Video mit Comedyqualität zeigt ihn in einer sehr speziellen Zahnarztpraxis bei der Anpassung täuschend echt wirkender Vampirzähne. Für die großartigen Videos, die nicht illustrieren, sondern wesentlicher Bestandteil der Produktion darstellen, zeichnet Lion Bischof verantwortlich.
Es darf auch mal verworren sein
Mit der Vampirjägerin Kristine Van Helsing, die anfangs Nosferatu mit einem Pflog ins Herz töten will und sich dann in ihn verliebt, bringt Regisseur und Autor Jan-Christoph Gockel eine merkwürdig bizarre Gestalt auf die Bühne. Katharina Bach versucht mit langen, zu langen Slapstickeinlagen und nerviger Wortakrobatik die Figur zu karikieren. Das brachte anfangs Lacher, aber führte dann zu Ermüdung.
Vampire sind auch nur Menschen
Dagegen erweist sich die bunte Schar der Vampire, die im Stück die Kammerspiele beherrscht, in ihren Frustrationen, Ängsten und Sehnsüchten als durchaus menschenähnlich. Da ist z. B. das Vampirmädchen Claudia. Sie wurden mit 13 Jahren in einen Vampir verwandelt und hadert mit ihrem Schicksal, nun für die Ewigkeit im kindlichen Körper gefangen zu sein und in einem Micky-Maus-Sarg schlafen zu müssen.
Den Verwandlungsbiss hatte ihr damals die von Schuldgefühlen geplagte Svetlana zugefügt. Svetlana, gespielt von Jelena Kuljic, ist auch ein Vampir, jedoch von der feinfühligen Art. Ihre blutige Existenz ist ihr zuwider. Sie sehnt sich nach Wärme und Sonne. Auf der Suche nach Berührung und Begegnung wagt sie sich gelegentlich im Ganzkörperschutzanzug ins Tageslicht. Die schmerzhafte Sonne bekommt auch das Publikum durch einen Scheinwerfer, der mit seinem gleißenden Licht direkt in die Zuschauergesichter leuchtet, auf unangenehme Weise zu spüren. Im Kreis der Vampire wirkt Max Schreck in der Maske des Noferatu, eher sanft, blass und leise. Die Rolle wurde inklusiv mit Johanna Kappauf besetzt, die einen putzig mädchenhaften Vampir auf die Bühne brachte. Das mag ganz bewusst so gewollt sein und ist doch ein wenig schade.
Voll daneben!
Hingegen ärgerlich und nicht zu rechtfertigen ist die eindimensional angelegte und ignorante Figur des Theaterintendanten mit dem Namen Dennis Dorn. Was soll das? Gemeint ist natürlich die Gallionsfigur der Kammerspiele, der große Regisseur und Intendant Dieter Dorn. Er hat nicht nur den Ruf der Münchner Kammerspiele als Sprechtheater der ersten Liga begründet, sondern es gelang ihm auch erstklassige Autoren und Schauspieler für das Haus gewinnen. Die Kammerspiele haben sich zweifellos inzwischen stark verändert. Seit Amtsantritt von Barbara Mundel als Intendantin liegt der Schwerpunkt auf der experimentellen Erschließung neuer Darstellungsformen, Wokeness und vor allem Inklusion, also der Verbindung von Kunst und Sozialarbeit. Dieses auf Vielfalt und politische Korrektheit ausgerichtete Konzept verdient Respekt, rechtfertigt jedoch nicht, den Ausnahmeintendanten Dieter Dorn, der mit seiner Arbeit Maßstäbe gesetzt hat, als farblosen und inkompetenten Verwalter darzustellen.
Mehr Event wagen!
Das Stück „Oh Schreck“ dauert ohne Pause knapp zwei Stunden. Eine Verschnaufpause hätte der Aufführung jedoch gut getan. Zumal einige Besucher, wie auf der Webseite des Theaters vorgeschlagen, verkleidet zur Vorstellung erschienen sind. Es gab jedoch keine Bühne für die Kostümierten, keine Zuschauerevent rund um die Vorstellung und auch keine Spur von der sogenannten Blutbar, die das Premierenpublikum noch erleben durfte. Die Kostümierungsidee verpuffte. Dabei endet das Stück mit dem Tanz der Vampire, einem wild enthemmten, bunt schrillen Fest. Was für eine verpasste Chance für ein wenig Party auch im Zuschauerraum und Foyer. Doch stopp! Am 30.4.2025 findet nach der Vorstellung um 22:30 h ein Vampir-Tanz in den Mai statt. Partytickets (ohne Ermäßigung) sind für 10 Euro erhältlich.