Für zwei Konzerte mit den Münchner Philharmonikern gastierte der inzwischen international gefeierte Cellist Kian Soltani in München. Unter dem Dirigat von Anja Bihlmaier präsentierte er seine furiose Interpretation von Antonín Dvořáks Konzert für Violoncello und Orchester Opus 104. Dieses besondere Konzert diente uns auch als Anlass, ein Versäumnis nachzuholen und endlich die für ihre moderne Ausstattung und die einmalige Akustik gefeiert Isarphilharmonie persönlich in Augenschein zu nehmen.
Vielfalt und musikalischer Hochgenuss in der Isarphilharmonie
Erster Eindruck von der Location: Von der U3-Haltestelle Brudermühlstraße ist es nur ein kurzer Fußweg zur Isarphilharmonie. Das helle, luftige und weitläufige Foyer lädt mit seinen zwei Bars und einem Café zum Verweilen ein. Das Mehrzweckgebäude mit dem Namen „Gasteig HP8“ ist auch ein kulturelles Zentrum mit Stadtbibliothek, Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen. Ausführliche Infos zur Isarphilharmonie finden Sie auf unserer Klassikseite. Kommen wir zu unserem Konzertbesuch.
Ein verzückter Cellist
Kian Soltani ist bekannt für seine emotionale Tiefe, technische Perfektion und charismatische Bühnenpräsenz. Er spielte das Violoncello mit einer Hingabe, die an Verzückung heranreicht. Ohne Noten und meist mit geschlossenen Augen steigerte er von Satz zu Satz die Intensivität seines musikalischen Ausdrucks. Kian Soltani ist Österreicher mit iranischen Wurzeln. Bereits im Alter von vier Jahren begeisterte er sich für das Violoncello und begann mit 12 Jahren seine Ausbildung an der Musik-Akademie Basel. Es folgten ein Stipendiat der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung und die Ausbildung an der deutschen Kronberg Academy. Seit Oktober 2023 hat er eine Professur an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien inne. Für seine Auftritte erhielt Soltani zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter den Leonard Bernstein Award und den Credit Suisse Young Artist Award.
Requiem für Exgeliebte
Antonín Dvořáks Orchesterkonzert gehört zu Soltanis Lieblingstücken, nicht zuletzt deshalb, weil diese Komposition auch als Requiem für Josefina, die verstorbene Jugendliebe des Komponisten gelten kann. Dvorak hat die Melodie eines der Lieblingslieder von Josefina „Lasst mich allein in meinen Träumen“ in den zweiten Satz integriert. Aus dieser Liedeinfügung entwickelte Kian Soltani eine eigene Komposition, die er quasi als Zugabe und mit einer kleinen Einführung zu Gehör brachte.
Anja Bihlmaier dirigiert die Münchner Philharmoniker
Die Dirigentin Anja Bihlmaier leitete das Konzert und verstand es, das impulsive Cellospiel von Kian Soltani mit dem Orchester harmonisch zusammenzufügen. Anja Bihlmaier, Jahrgang 1978, hat an der Hochschule für Musik Freiburg und dem Mozarteum in Salzburg studiert. Schon in jungen Jahren war sie als Dirigentin im In-und Ausland Erfahrungen tätig. Seit August 2021 ist sie Chefdirigentin des Residentie Orkest in Den Haag. Ihr Repertoire reicht von Klassik wie Haydn und Mahler bis hin zu zeitgenössischen Werken. Sie hat mit zahlreichen renommierten Orchestern zusammengearbeitet und sich auch als Operndirigentin einen Namen gemacht. Beim Konzert mit Kian Soltani und den Münchner Philharmonikern zeigte sie einmal mehr ihre ausgeprägte musikalische Intuition und die Fähigkeit, Leidenschaft mit Präzision zu verbinden.
Programmwechsel nach der Pause
Nach der Pause erwartete das Münchner Publikum eine deutsche Erstaufführung, die Orchesterkomposition „beyond the beyond“ von Sarah Gibson. Die Komponistin starb 2024 mit gerade 38 Jahren. Das 10-minütige Orchesterstück „beyond the beyond“ entstand kurz vor ihrem Tod. Auch wenn für diese Komposition eine golden Harfe auf die Bühne gehievt wurde, so erwarteten den Konzertbesucher keine sphärischen Klänge, sondern ein stark rhythmisches, teilweise polyphones und dynamisches Werk, das weniger von Streichern als von Schlagzeug und Bläsern dominiert wurde.
Der Konzertabend endete mit Johannes Brahms, dem Klavierquartett Nr. 1 – und zwar in der symphonischen Bearbeitung von Arnold Schönberg, dem Vater der Zwölftonmusik. Schönberg verehrte Brahms und sah in ihm einen Vorläufer der musikalischen Moderne. In seiner Bearbeitung für großes Orchester betonte und würdigt er den progressiven Charakter der Komposition. Ein zu Recht begeistertes Publikum bedankte sich am Ende des facettenreichen, klug zusammengestellten Konzertabends mit frenetischem Applaus.