„Les Miserables“ – Erfolgsmusical am Gärtnerplatztheater

"Les Miserables" am Gärtnerplatztheater © Ludwig Olah
"Les Miserables" am Gärtnerplatztheater © Ludwig Olah

Seit 1985 wird „Les Miserables“ in London en-suite aufgeführt. Es folgten Aufführungen u.a. in New York, Budapest, Tel Aviv, Toronto, Reykjavik, Singapur, Sydney, Tokio und Wien. Doch die Münchner Erstaufführung ließ lange auf sich warten. Dies liegt vor allem an der restriktiven Lizenzvergabe. Erst jetzt gelang es Intendant Josef E. Köpplinger, der bereits 2007 in Graz und Klagenfurt als „Les Miserables“-Regisseur reüssierte, die Aufführungsrechte für eine länderübergreifende Gemeinschaftsproduktion des Theaters St. Gallen und des Münchner Gärtnerplatztheaters zu erwerben.

Es hat sich gelohnt: Die Neuproduktion „Les Miserables“ ist rundum gelungen und wird in München euphorisch gefeiert. Wer sich frühzeitig Karten besorgt hat, kann sich glücklich schätzen, denn alle Vorstellungen 2024 sind ausverkauft. Die Termine im nächsten Jahr stehen noch nicht fest. Es besteht jedoch die Möglichkeit, sich jetzt schon in eine Verteilerliste aufnehmen lassen.

„Les Miserables“ perfekt in Szene gesetzt

Eintrittskarten zu ergattern ist also nicht einfach. Doch es ist der Mühe wert. Ich konnte bei der Spielzeitpremiere am 23.10.2024 einen perfekten und mitreißenden Musicalabend erleben. Es hat einfach alles gestimmt, von der Inszenierung, über die erstklassige und stimmgewaltige Besetzung, die Choreografie von Ricarda Regina Ludigkeit, der Multifunktions-Verwandlungsdrehbühne von Rainer Sinell, dem Orchester unter dem Dirigat von Koen Schoots bis zu ein fein ausbalancierten, den Gesangsstimmen und dem Orchester gleichermaßen dienenden Tonaussteuerung.

Die literarische Vorlage von Victor Hugo

„Les Miserables“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Victor Hugo. Der Roman ist ein gewaltiger Brocken bestehenden aus 5 Bänden und fast 1500 Seiten. Das ist zweifellos zu viel Stoff für einen Musicalabend. Ich erspare uns eine ausführliche Inhaltswiedergabe und fasse kurz zusammen: Es geht um den Konflikt zwischen zwei starken, von ihrer Sachen überzeugten Männern und zugleich um den Kampf zwischen Gerechtigkeit und Gesetz. Für Gerechtigkeit steht der ehemalige Straftäter und Menschenfreund Valjean. Sein Kontrahent und Verfolger, Polizeichef Javert, repräsentiert das gnadenloseweise Gesetz ohne Menschlichkeit. Zahlreiche Nebenfiguren und weitere Handlungsstränge komplementieren das Werk. Das Ganze spielt vor dem Hintergrund der gescheiterten Juni Revolution 1832 in Paris.

Schönbergs Kompositionen machen „Les Miserables“ zum Meisterwerk

Meines Erachtens ist es weniger die literarische Vorlage als vielmehr die mitreißende, die Handlung vorantragende Musik von Claude-Michel Schönberg, welche die Qualität von „Les Miserables“ ausmacht. Ich besitze von vielen Musicals die CD, selten ist jedoch so wie bei der Aufnahme von „Les Miserables“, dass von Anfang bis Ende, ein großartiges Stück nach dem anderen folgt.

Schönbergs Musik mit Texten von Herbert Kretzmer in der deutschen Übersetzung von Heinz Rudolf Kunze versetzt das Publikum in eine Achterbahn der Gefühle. Lieder voll Trauer und Sehnsucht, wechseln mit humorvollen Musikstücken. Eine zum Handeln aufrufende Chorkomposition kontrastiert zu einem leisen Liebeslied. Der Wechsel von Schauplätzen, Zeitläufen und Stimmungen erfolgt rasend schnell, auch dank einer ausgefeilten Licht- und Bühnentechnik. Dabei bliebt das Publikum stets gefesselt und es entstehen keine Längen.

Ein lesenswertes Programmheft

Wer sich mit Victor Hugo und der literarischen Vorlage näher beschäftigen möchte, findet im exzellenten Programmheft umfangreiche Informationen. Das Programm enthält neben der ausführlichen Inhaltswiedergabe u.a. auch klug aufbereitete Informationen zur Entstehung des Musicals und dem historischen Hintergrund sowie Interviews mit dem musikalischen Leiter Koen Schoots und Regisseur Josef E. Köpplinger.

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Heldentodes

Im Interview macht Köpplinger deutlich, dass „Les Miserables“ für ihn auch eine Auseinandersetzung mit falschem Heldentum darstellt. In seiner Inszenierung wirken die adrett gekleideten Studenten wie Kinder aus gutem Haus auf einem Abenteuerausflug. Als Zuschauer läuft es einem kalt den Rücken herunter, wie die jungen Männer naiv und voller Idealismus zu den Waffen greifen und in den Tod gehen. Köpplinger macht in seiner Inszenierung deutlich, dass dem Barrikadentod nichts Romantisches oder Heroisches anhaftet. Die Aufständischen sterben ruhm- und sinnlos im Kugelfeuer – eine laute und blutige Szene.

Der Aufführung ist ein Zitat frei nach Voltaire, das auf den Vorhang projiziert wird, vorausgestellt. Es lautet: Jeder Fanatismus endet im Fatalismus. Diese Erkenntnis des Philosophen ist vielleicht auch auf gegenwärtige Kriegsschauplätze übertragbar.